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Die nachfolgende Zusammenstellung basiert auf dem Briefverkehr meines 1942 gefallenen Onkels Otto. Zusätzlich habe ich Aussagen meines Vaters Anton, geboren 1927, herangezogen, der als Zeitzeuge dabei war und selbst einige der Briefe verfasst hat. Die Kombination von Briefen und Zeitzeugenaussagen hilft mir bei der Einordnung der Geschehnisse in den Kontext von Geschichte, Krieg und den damaligen Lebensverhältnissen der Menschen.
Mein Ziel ist es, die Besonderheiten aufzulisten, die mir bei der Lektüre der Briefe aufgefallen sind. Im ersten Teil fokussiere ich mich auf die Besonderheiten der damaligen Zeit, und nehme die für mich nahe liegende Perspektive einer Person ein, die erst ein paar Jahrzehnte später unter anderen Verhältnissen aufgewachsen ist. Im zweiten Teil der Darstellung geht es mir mehr um die Auswirkungen von Nationalsozialismus und Krieg auf die Bevölkerung auf dem Land und deren Umgang damit.
Bruder Anton konnte - neben Otto - als einziger in der Familie Fahrradfahren. Das Radfahren war wegen der hügeligen Landschaft und den noch nicht so gut ausgebauten Wegen mühsam; eine Gangschaltung gab es natürlich noch nicht. Wenn das Fahrrad kaputt war (und Ersatzteile auf die Schnelle nicht zu beschaffen waren), mußte Anton zu Fuß gehen. Ebenso war es bei Schnee und Glätte. Die übrige Familie war sowieso immer per Pedes unterwegs. Stundenlange Fußmärsche zu Verwandten oder Bekannten wurden in Kauf genommen. Angesichts dieser ungünstigen Voraussetzungen des abgelegenen Anwesens ist bemerkenswert, wieviele soziale Kontakte es trotzdem mit den Menschen der Umgebung gab. Trotz der Erschwernisse bei der Mobilität waren die Menschen offenbar über die Ereignisse in der Umgebung gut informiert.
Otto tauschte Feldpost mit vielen Verwandten, Freunden und Bekannten aus. Das deutet auf ein dichtes soziales Beziehungsnetz in der Gegend hin.
Einige Beispiele in den Briefen zeigen, daß Nachbarschaftshilfe sehr verbreitet war. Bezeichnend fand ich eine Stelle in einem Brief von Otto. Er schrieb, es sei bei seinen Kameraden nicht üblich zu teilen. Deshalb kann er den Inhalt der elterlichen Pakete alleine verspeisen. Im Umkehrschluß bedeutet das, Otto war es gewöhnt zu teilen.
Der Winter 1941/42 war außergewöhnlich streng. Das galt nicht nur für Rußland, sondern auch für Deutschland. Zu großen Schneemengen, -stürmen und Verwehungen gesellte sich eine große Kälte. Die Familie befürchtete nicht nur kommende Ernteausfälle, sondern hatte mit der Witterungsunbill zu kämpfen. An manchen Tagen konnte das Anwesen kaum verlassen werden. Es wurde schwierig, Post beim Postamt in Arnschwang aufzugeben. Post wurde nur noch einmal pro Woche zugestellt. Der Nachrichtenaustausch war also sehr erschwert.
Die Mutter und Bruder Anton mußten die Landwirtschaft alleine bewältigen. Dazu kam für die Mutter noch, daß neben Haushalt und Landwirtschaft drei weitere Kinder zu versorgen waren. Der 14-jährige Sohn Anton mußte nach Kräften in der Landwirtschaft mithelfen und Besorgungen erledigen, insbesondere auch die Briefe und Pakete zur Post bringen. Für dieses Alter wurde ihm bereits eine Menge Verantwortung aufgebürdet. Die Briefe vermitteln nicht den Eindruck, daß Anton mit den Anforderungen an ihn unzufrieden war; vielmehr wurde er in sinnhaftes Tun eingebunden und seine Fähigkeiten gefördert, indem er der Familie half, den Alltag mit all seinen Widrigkeiten zu bewältigen.
Handwerker waren noch bezahlbar und wurden in Anspruch genommen, wie laut Briefen der Uhrmacher, der Schuhmacher und der Schneider.
Anders verhielt es sich mit der zahnmedizinischen Versorgung. Otto's Zähne wurden beim Arbeitsdienst und beim Militär behandelt. Trotzdem war er wegen dem Zustand seiner Zähne nicht geeignet für den Afrika-Einsatz. Obwohl es in Kötzting zwei Zahnärzte gab, wurden diese kaum in Anspruch genommen. Die Behandlung wurde als zu teuer empfunden.
Bürokratie ist keine Nachkriegs-Erfindung. Offenbar hatten auch früher schon die Leute zum Beispiel mit Arbeitsamt, Baugenehmigungen und Markenzuteilungen zu kämpfen.
Otto befürchtet in einem seiner Briefe, daß bald keine Schulkameraden von ihm mehr leben. Umso schlimmer muß es gegen Ende des Krieges geworden sein, als in kurzer Zeit noch wesentlich mehr Menschen starben.
Die eingezogenen jungen Burschen werden überall vermißt. Die Freunde und Bekannten von Otto beklagten sich, daß es in der Heimat still geworden und nicht mehr schön ist. Die Einschnitte im Zusammenleben der Gemeinschaft waren also für die Menschen bereits in dieser Phase des Krieges beträchtlich.
Die erwähnten Abschiedsfeiern zeigen, daß die Heranwachsenden der Gegend das Leben zu genießen verstanden. Andererseits war den eingezogenen Soldaten, ebenso wie den in der Heimat verbliebenen, bewußt, daß es ein Abschied für längere Zeit sein könnte, vielleicht sogar für immer. So galt es, die verbleibende Zeit zu Hause oder den Heimaturlaub gut zu nutzen.
Es gab Kooperation der vom Regime in öffentlichen Ämtern eingesetzten Personen mit der Bevölkerung für die Belange letzterer - auch wenn sie dem Regime entgegenwirkten. Das zeigen die Gesuche auf Heimaturlaub, die übertriebene und falsche Angaben enthielten und trotzdem von den Bürgermeistern und Ortsbauernführern unterstützt wurden.
Bruder Anton's Volksschulzeit endete bereits nach 7 Jahren - er wurde vom Besuch des achten Schuljahres befreit. Die Schulbildung mußte also gegenüber den Kriegserfordernissen zurückstehen.
In der Landwirtschaft arbeitende Männer wurden später eingezogen als Handwerker. Anscheinend wurde der Landwirtschaft für die Ernährung der Bevölkerung große Bedeutung beigemessen.
Durch das Einrücken der jungen Männer kam es zu einem Arbeitskräftemangel. Der Mangel betraf sowohl Landwirtschaft als auch Handwerk. Die in der Heimat verbliebenen Menschen mußten mehr leisten als vorher und ihre Leistungsgrenze teilweise überschreiten. Das betraf nicht nur ältere Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Neben Beispielen zum Arbeitseinsatz wird in den Briefen einige Male erwähnt, daß die Briefe erst spät nachts geschrieben werden konnten. Vorher war die Arbeit zu erledigen. Bei Müdigkeit und schlechtem Öllampen-Licht Briefe zu schreiben, war sicherlich kein Vergnügen.
Der Handwerker-Mangel begünstigte die Wagnerei des Vaters. Er war mit der Arbeit mehr als ausgelastet. Finanziell ging es dadurch der Familie besser als noch vor dem Krieg.
Bis 1942 hatte die Familie genügend zu Essen. Nach der Schlachtung eines Schweines gab es sogar eine Weile täglich zu Mittag Fleisch zu essen. Die Familie besaß zu dieser Zeit noch genügend Eßwaren, um Otto noch regelmäßig per Post mit Lebensmitteln unterstützen zu können. Gegen Ende des Krieges war die Ernährungslage schlechter; als Bruder Anton einrücken mußte, bekam er nur noch vereinzelt Lebensmittelpakete von den Eltern zugeschickt. Wie das Beispiel des Verwandten Xaver Stelzl zeigt, der in Augsburg lebte, hatte 1942 die städtische Bevölkerung bereits nicht mehr genügend zu essen. Da half es Xaver auch nicht, genügend Geld zu besitzen.
Trotz ausreichender Ernährung machte sich 1942 immer mehr die Rationierung von Lebensmitteln und anderen Gegenständen des täglichen Bedarfes bemerkbar. Die Verknappung betraf auch Gegenstände, an die in diesem Zusammenhang einige Jahrzehnte später kaum jemand denken würde. Wer käme schon auf die Idee, daß
- kein Stift oder kein Papier aufzutreiben ist, um einen Brief zu schreiben?
- Otto deswegen zwei Wochen keine Briefe schreiben konnte?
- das Mehl eine zu schlechte Qualität hatte, um damit Brot zu backen?
- die Familie eine Woche abends im Dunkeln saß, weil kein Öl für die Öllampe aufzutreiben war?
- Paket-Kartons zurückgeschickt und wiederverwendet werden mußten?
Die Familie versandte per Post die verschiedensten Lebensmittel, Gegenstände und Lebensmittelmarken. Trotz der mehrtägigen Versanddauer wurden zum Beispiel Butter, Fleisch, Eier, Äpfel und Brot verschickt. Ein Teil der versandten Ware wurde unterwegs in Mitleidenschaft gezogen, und kam verfault oder zerdrückt an. Selbst diese Beeinträchtigungen nicht der Fall gewesen wären: Wer würde in unserer Zeit noch beispielsweise Brot verschicken, und wer andererseits dieses Brot eine Reihe von Tagen später freudig verzehren?
Der Austausch von Nachrichten und Waren zwischen Otto und seiner Familie über den Postverkehr war sehr wichtig für die Beteiligten. Es verwundert daher nicht, daß die Familie großen Aufwand betrieb und alle Schwierigkeiten und Mißlichkeiten zu überwinden suchte, um den Kontakt kontinuierlich aufrecht zu erhalten. Der Aufwand betraf zu allererst die große Entfernung zum nächsten Postamt, die die Familie bei allen Witterungsbedingungen zu überwinden hatte. Dazu kamen teilweise die Aufwände für Besorgungen, um Otto das Gewünschte schicken zu können. Auch hierfür mußten entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad weite Wege zurückgelegt werden. Umso ärgerlicher war es, wenn die Pakete von der Post nicht angenommen wurden - zum Beispiel weil sie zu schwer waren oder eine Feldpostsperre errichtet wurde. In diesem Fall mußte alles wieder nach Hause getragen und zu einem späteren Zeitpunkt ein neuer Versuch gestartet werden.
Weitere Unsicherheitsfaktoren mußte beim Versenden von Post mit einkalkuliert werden. Bei Verlegung in eine andere Kaserne, einem kurzfristig gewährten Heimaturlaub oder der Abstellung zum Fronteinsatz konnte den Soldaten kein Paket geschickt werden; es wäre nicht beim gewünschten Empfänger angekommen. Kam der Soldat an die ausländische Front benötigte er als Voraussetzung zur Zustellung von Post erst die Zuteilung einer Feldpostadresse. Wie Otto's Beispiel in Rußland zeigt, konnten bis zur Zuteilung Wochen oder sogar Monate vergehen. Konnte die Soldaten eine bevorstehende Verlegung noch rechtzeitig mit der Post übermitteln, mußten sich die zu Hause gebliebenen beeilen, um vielleicht noch rechtzeitig ein Paket oder einen Brief loszuschicken.
Vor allem, wenn die Soldaten im Ausland an der Front im Einsatz waren, konnte die Beförderung von Post sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Zum Beispiel benötigte ein Brief von Mutter's Bruder Xaver aus Rußland sechs Wochen. In der Zwischenzeit sorgten sich natürlich die Angehörigen um das Wohl des Soldaten. Die lange Zeit der Ungewissheit veranlaßte die Angehörigen, regelmäßig nachzusehen, ob Post angekommen war. Meist war es vergeblich. Umgekehrt warteten auch die Soldaten lange auf Briefe aus der Heimat. Wenn welche ankamen, war die Freude umso größer.
Abgesehen von der langen Laufzeit war der Postverkehr nach Rußland durch Gewichtsbeschränkungen stark limitiert. Bis auf wenige Ausnahmen waren nur 100g-Pakete erlaubt, Luftpostbriefe durften nur zehn Gramm wiegen. Mit 100 Gramm Gewicht läßt sich nicht allzu viel versenden.
Otto wollte jede Chance auf Heimaturlaub nutzen - das schreibt er an einer Stelle ausdrücklich. Bei jeder kleinen Möglichkeit, die Otto sah, informierte er die Eltern, die sofort alle Hebel in Bewegung setzten, um ein Gesuch schreiben, von der örtlichen Obrigkeit bestätigen zu lassen, und es schnell zur Post zu bringen. Die Gesuche wurden meist abgelehnt. Mit den Gesuchen verbunden waren nicht nur Aufwände, sondern jedes mal ein vergebliches Warten und Hoffen.
Bezüglich der Dauer des Arbeitsdienstes und später dem Termin der Abstellung zur Front herrschte eine ständige Ungewissheit. Bekanntgegebene Termine konnten sich jederzeit wieder ändern. Dieses immerwährende Hin und Her war sicherlich eine große Belastung für die Beteiligten. Immer wieder entstanden neue Hoffnungen, die sich schnell wieder in Enttäuschungen und Befürchtungen umwandelten. Planbarkeit war also selten gegeben. Nicht nur die nähere, sondern auch die weiter entfernt liegende Zukunft war offen. So stellt Otto in einem seiner Briefe die Frage in den Raum, wie alt er wohl sein werde, bis er wieder frei ist.
Die Essensmenge war für Otto beim Arbeitsdienst und beim Militär zeitweise knapp bemessen, teilweise war Otto auch mit der Qualität nicht zufrieden. Seine Versorgung mit Eßwaren und Lebensmittelmarken durch die Eltern glich den Mangel aus. In Rußland hatte Otto beim Militär bessere Möglichkeiten, sich Essen zu organisieren, als beim Arbeitsdienst. Vom Arbeitsdienst in Rußland kam Otto ziemlich ausgehungert in die Heimat zurück. Erst als beim Militär die Armee im Stalingrader Kessel eingeschlossen wurde, wurden die Essensrationen stark gekürzt und die Soldaten hungerten.
Obwohl Otto die russische Kälte fürchtete, zogen er und seine Kameraden es zeitweise vor, in kalten Zelten frierend zu übernachten, statt sich in russischen Häusern dem Ungeziefer auszusetzen.
Otto hatte während seiner Zeit beim Arbeitsdienst in Rußland etwa 500 km mit dem Fahrrad zurückzulegen. Die Wege waren so schlecht, daß sie mit den Fahrrädern schneller als mit den Autos vorwärts kamen.
Der Einsatz in Rußland war gefürchtet. Bereits zu dieser Zeit gab es Befürchtungen, daß nur wenige Soldaten wieder aus Rußland zurückkehren werden. Neben den aktuellen eigenen Erfahrungen und Erfahrungen von Bekannten und Verwandten spielte da sicherlich noch der nicht allzu weit zurückliegende Erste Weltkrieg eine Rolle. Die Elterngeneration hatte noch das Kriegsleid des vorangegangenen Krieges miterlebt. So verwundert es nicht, daß Otto von dem "verfluchten Rußland" und dem "unvorstellbarem", das sein Onkel Xaver in Rußland erlebt hat, schreibt. Bezeichnend sind weitere Äußerungen, von dem großen Glück, bislang vom Rußland-Einsatz verschont geblieben zu sein, der Hoffnung, daß sich der Transport zur Front noch möglichst lange verzögert, der Hoffnung, die Familie später einmal wieder so antreffen zu können, wie sie einander verlassen haben. Otto wäre viel lieber in Afrika zum Einsatz gekommen. Wie der weitere Verlauf des Krieges zeigt, zurecht; die Chance auf ein Überleben wäre viel größer gewesen. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, daß die Menschen versuchten, die verbleibende Zeit so gut wie möglich auszunutzen, und zum Beispiel Otto alle auch kleinen Chancen wahrnahm, Heimaturlaub zu erhalten.
In einem Brief schrieb Otto, daß er sich nicht eine Woche freiwillig zum Militär melden würde, auch daß er seine Zeit zu Hause besser und mit wichtigerem als in der Kaserne mit Maschinengewehr-Hantieren und ähnlichem Unsinn verbringen könnte. Zu Hause hätte Otto seine Familie bei der landwirtschaftlichen Arbeit entlasten können. Zudem hätte er sich mit seinem Wagner-Handwerk gutes Geld verdienen können. Die Argumentation von Otto betraf also in erster Linie die unmittelbare Sinnhaftigkeit seines Tuns. Auch die Äußerungen der übrigen Beteiligten des Briefverkehrs orientieren sich vornehmlich an den eigenen Belangen und dem Kriegsleid dem sie ausgesetzt sind, wenn sie das Kriegsende herbeisehnen und sich bessere Zeiten erhoffen. Die Äußerungen zielen, mit ein oder zwei Ausnahmen, nicht auf die Frage nach der Schuld an dem Krieg. Ebensowenig geht es um Regime-Kritik. Die Situation wurde hingenommen, und es galt, mit der Situation möglichst gut zurechtzukommen. Einige Beteiligte der Korrespondenz hielten sich an ihren religiösen Glauben und ihr Gottvertrauen; sie hofften, mit Beten den Kriegsverlauf positiv beeinflußen zu können.
Es war bekannt, daß die Briefe einer Zensur unterlagen. Inwieweit die Briefeschreiber sich davon beeinflußen ließen, bleibt hier offen. Jedoch sind in den Briefen einige deutliche Äußerungen gegen den Krieg und nationalsozialistischen Aktivitäten enthalten, Äußerungen, die mich in ihrer Direktheit verwunderten. Otto's Mutter schreibt zum Beispiel an einer Stelle, daß noch nicht alle verdorben sind. An anderer Stelle schreibt sie, daß die Spinner ("damische Dinger") das Dorf Zenching abmarschierten. Otto selbst schreibt von dem Krampf, den er beim Militär mitmachen muß. Trotz solcher Inhalte kamen die Briefe unbehelligt beim Empfänger an.
Die nationalsozialistische Propaganda scheint auf dem Lande, jedenfalls in kleineren Orten und abgelegeneren Gebieten, keinen so großen Einfluß gehabt zu haben, wie zum Beispiel in den Städten. Ich nehme an, das lag auch daran, daß die Medien die Bevölkerung weniger erreichten und die nationalsozialistische Organisation die hintersten Winkel des Landes weniger durchdrang. Radios waren zu der Zeit in der Gegend noch eine Seltenheit. Tageszeitungen gab es zwar häufig in den Familien, aber bei weitem nicht jeder abonnierte eine. Als bezeichnend halte ich einen Brief, in dem Otto nach dem Besuch einer Heldengedenkfeier sichtlich beeindruckt seiner Mutter schreibt, so etwas sollte sie auch einmal gesehen haben.
Der Staat behielt den Wehrsold der Soldaten als Kriegsanleihe ein. Diese Anleihe wurde später nie zurückgezahlt.
Interessant wäre es, herauszufinden, ob sich statistische belegen läßt, daß Soldaten vom Land beim Militär gegenüber den Menschen aus der Stadt benachteiligt waren. Otto meint an einer Stelle, mit Führerschein wären ihm einige Strapazen beim Arbeitsdienst erspart geblieben. Autos gab es zu dieser Zeit in den abgelegenen Gebieten auf dem Land kaum. Deshalb besaßen auch nur wenige einen Führerschein. Wer keine weiterführende Schule besuchte, konnte beim Militär nicht aufsteigen (mit Ausnahme der SS). Wer nicht in der Nähe einer weiterführenden Schule wohnte, oder zumindest in der Nähe einer zubringenden Bahnstation konnte kaum eine Realschule oder ein Gymnasium besuchen. Die Menschen in abgelegenen Gebieten waren in dieser Hinsicht benachteiligt. Wurden sie deshalb auch vermehrt höheren Risiken ausgesetzt? Zum Beispiel, indem sie mit höherer Wahrscheinlichkeit der Infanterie zugeteilt wurden und an vorderster Front im Einsatz waren?
